Gut gefüllt war die Aula im Gymnasium. Die Bürgerinnen und Bürger lauschten den Vortragenden bei ihrem bleischweren Thema.

Bodengutachten zum Thema Blei in Mechernich vorgestellt

Gutachten durch eine breite Fachpräsenz vorgestellt und zugleich auch ein neues Messverfahren präsentiert – Handlungsbedarfe anhand Bleiwerte im Allgemeinen und bei vielen Kinderspielplätzen im Konkreten aufgezeigt. UWV-Fraktionsvorsitzender Gunnar Simon: „Die wichtigste Information ist doch, dass von den bleibelasteten Böden keine akute Gefahr ausgeht und an konkreten Orten nun mit zugeschnittenen Maßnahmen Gefährdungspotentiale abgebaut werden.“

Ein Beitrag der UWV-Online-Redaktion, 09.07.2020

Mechernich – Die Aula des Gymnasiums war Corona-bedingt mit 120 reservierten Plätzen durch Bürgerinnen und Bürger voll besetzt. Auf dem Podium waren Vertreter der Stadt und des Kreises, Moderator Prof. Jens Utermann (NRW-Umweltministerium), den Gutachtenden und Fachpersonen aus den unterschiedlichen Behörden.

Mechernich – Stadt am Bleiberg. Gefahr? Risiko?

Prof. Utermann erklärt an einem Beispiel, was Gefahr ist: der Tiger ist für den Menschen gefährlich; aber nur dann, wenn Gefahr und Exposition zusammenkommen, also Tiger und Mensch aufeinandertreffen. Wenn der Tiger weit weg ist oder im Gehege eingesperrt ist, ist die Gefahr / Gefährdung für den Menschen sehr gering. Er übertrug dieses auf die Bleisituation in Mechernich:
Blei ist ein für den Menschen gefährlicher Stoff. Aber nur dann, wenn er vom Menschen über den Verdauungstrakt oder die Lunge aufgenommen wird / werden kann.

Die Hauptaussagen des Gutachtens

Das Gutachten wurde von der Diplom-Ökotrophologin Monika Machtolf anschaulich und verständlich vorgestellt. Das Verfahren basiert auf einem neuen Mess-, Analyse-, Auswertungs- und Bewertungsverfahren, welches gebietsbezogene Werte für wenig wahrscheinliche bis hin zu wahrscheinliche Annahme für das Eintreten einer Gefährdungssituation erlaubt.
Dr. Manfred Rechs stellte die Frage: „Wenn Mess- und Auswerteverfahren in Mechernich erstmalig angewandt worden sind, birgt das Probleme bei der Bewertung und der Vergleichbarkeit mit anderen deutschen Standorten?“ Sie hat geantwortet, dass das neue Verfahren auch die zuverlässigsten Ergebnisse und Bewertungen ermöglicht und die Vergleichbarkeit noch gegeben ist.

Der gutachtende Chemiker Dr. Dietmar Barkowski hat den Begriff “Prüfwert” (bei Blei gibt es keinen Grenzwert) verständlich dargestellt. Der Prüfwert gibt an, bis wann etwas ohne Bedenken “zugelassen” ist und ab wann etwas individuell zu prüfen ist. Natürlich sind die Prüfwerte für Kinderspielplätze am niedrigsten (200mg pro kg Erde), Baugebiet (550mg). In drei aktuellen Baugebieten Auf der Wäsche, Auf der Donnermaar und Kommern-Süd wurden mehrere Bodenproben genommen und ausgewertet.

Die Werte zeigen Sanierungsbedarf auf: Auf der Wäsche (9.000 mg Blei pro Kg Erde) vollständig, Auf der Donnermaar (1.000 mg Blei pro Kg Erde) teilweise, Kommern-Süd fast gar nicht (hier wären zwei Flächen ohne Maßnahmen lediglich nicht als Kinderspielplatz nutzbar). Wobei die Werte in den verschiedenen Testparzellen deutlich unterschiedliche Werte aufzeigten, was eine jeweilige grundstücksscharfe Betrachtung und Entscheidung rechtfertige.
Auf Nachfrage von Dr. Rechs bestätigte Frau Machtolf, dass die Feinstfraktion (also die Fraktion der Feinstpartikel und somit mit dem Risiko der Aufnahme durch Inhalation belastet; z.B. auf Bolzplätzen) selbst im belastetsten Gebiet nicht bewertungsrelevant, also völlig unkritisch ist.

Kinderspielplätze haben Maßnahmenbedarf

Die Aufnahme von Blei ist insbesondere bei Kleinkindern (einjährig) relevant, da sie vieles oral erforschen – also alles in den Mund stecken und somit auch Erde zu sich nehmen. Sämtliche 63 Kinderspielplätze im Stadtgebiet sind getestet worden und fast vollständig ausgewertet worden. Obwohl keine akute Gefahr besteht ist nach dem neuen Bewertungsverfahren bei 40 von den 63 getesteten Kinderspielplätze Handlungsbedarf beschlossen worden. Hierzu wurde aber auch schon der AAV – Verband für Flächenrecycling und Altlastensanierung NRW eingebunden. Dieser prüft derzeit die Förderung dieser Maßnahmen und geht von einer Abarbeitung im Laufe des nächsten Jahres aus.

Sachlicher und gesitteter Verlauf

Das Thema Blei ist trotz seiner Brisanz gestern Abend sehr sachlich und gesittet diskutiert worden. Viele Bürgerinnen und Bürger hatten die Gelegenheit, Fragen zu stellen und Antworten zu bekommen. Ein Dank gilt vor allem dem Gremium aus Stadt, Kreis und den weiteren Behörden, die sich dieser Thematik angenommen haben und das Thema Blei ernst nehmen.

UWV-Stadtverbandsvorsitzende Heike Waßenhoven: „Wir leben seit vielen Jahrhunderten hier mit dem Blei – früher sehr gut und heute eher kritisch. Wir werden aber auch noch in Zukunft mit diesem Blei leben. Wir müssen uns also damit arrangieren und umzugehen lernen sowie Maßnahmen zur Minimierung des Risikos angehen – privat wie auch als Stadt.“
Und ihr Fraktionskollege Simon ergänzt: „Da, wo verschiedene Positionen aufeinandertreffen, entsteht Reibung. Solange diese Reibung keine destruktive, sondern eine konstruktive, zukunftsorientierte Entwicklung fördert, können wir positiv nach vorne schauen. Von daher ist das Engagement der Bürgerinnen und Bürger gut. Durch die Untersuchungen kann und wird Mechernich sich nochmals neu mit dieser Thematik aufstellen“.

Die neu erarbeiteten Handlungsempfehlungen des Kreises werden heute online gestellt. Auch Dr. Hans-Peter Schick, Bürgermeister unserer Stadt, sagte zu, über die Homepage der Bevölkerung eine Information zur Belastungssituation zur Verfügung stellen zu wollen.

Die Stadt Mechernich ist auf einem guten Weg: Sie hat Initiative ergriffen, d. h. die Untersuchung der Böden nach einem neuen Verfahren (Mechernich hat Vorreiterrolle in Deutschland übernommen) hat begonnen, alle Kinderspielplätze sind bereits getestet worden und bei 40 von 63 Plätzen werden kurzfristig Maßnahmen ergriffen.
„Ich möchte alle Verantwortlichen bitten, dieses sensible und brisante Thema völlig transparent zu behandeln, denn nur wenn alle Bürger alle relevanten Informationen erhalten, können Sie nachvollziehen, dass alles erforderliche getan wird, um jegliche Gefährdung auszuschließen“ resümiert Dr. Rechs den Abend in der Aula.

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